Warum Tiere einen positiven Einfluss auf Menschen haben und was es bei der tiergestützten Therapiearbeit mit Hunden im Kinderhospiz zu beachten gibt
Julia, Alma und Fips besuchen als eingespieltes Therapiebegleithundeteam einmal pro Woche die Familien im Kinderhospiz Sterntaler. Sobald sie den Hof betreten, zaubern sie den Familien und Mitarbeitenden ein Lächeln ins Gesicht. Dann wird gemeinsam gekuschelt, gespielt oder getobt, je nach den individuellen Bedürfnissen der Sterntaler-Kinder. Warum Hunde einen so positiven Einfluss auf Menschen haben können, inwiefern sich die Hunde Alma und Fips unterscheiden, und wie Julia sicherstellt, dass es den Hunden bei der Therapiearbeit gut geht, erfahren Sie im nachfolgenden Interview.
Im Interview: Therapiebegleithundeteam Julia Marinese mit Alma und Fips
Julia Marinese ist 40 Jahre alt, Alma ist sieben Jahre und Fips drei Jahre alt. Seit Oktober 2025 bietet Julia gemeinsam mit den Hunden Alma und Fips die tiergestützte Therapie in unserem Kinderhospiz Sterntaler an.
Julia wurde durch unsere vorherige Tiertherapeutin, welche aufgrund eines Umzuges mit ihrem Hund nicht mehr zu uns kommen konnte, auf unser Kinderhospiz Sterntaler aufmerksam. Beide sind Teil des Vereins Tröstende Pfoten e.V. und Julia hat die tiergestützte Therapie in unserem Kinderhospiz gerne von ihr übernommen.
Frau Marinese, wie sind Sie zur tiergestützten Therapie gekommen?
Ich verbringe schon mein ganzes Leben mit Hunden und bin von der positiven Wirkung, die Tiere auf uns Menschen haben, absolut überzeugt. Als Krankenschwester in einem Hospiz für Erwachsene wuchs der Wunsch diese Themen zu verbinden. Vor vier Jahren habe ich mir den Wunsch erfüllt und mit Alma gemeinsam eine Ausbildung gestartet.
Für alle, die bisher noch keine Berührungspunkte damit hatten: Was bedeutet „tiergestützte Therapie“?
Tiergestützte Therapie umfasst professionell geplante Maßnahmen mit Tieren, die von ausgebildeten Fachkräften durchgeführt werden, um die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen zu verbessern.
Warum ist die tiergestützte Therapie gerade in einem Kinderhospiz so wertvoll?
Es ist ganz deutlich zu sehen, dass der Hundekontakt vielen Kindern entspannte Momente ermöglicht. Der Körperkontakt senkt Stress und schüttet Endorphine aus, wodurch sich auch Blutdruck, Puls und Atmung stabilisieren können. Genauso ist es aber auch einfach eine schöne und meist sehr willkommene Ablenkung vom Alltag.

Wie wurden Alma und Fips auf ihre Arbeit im Hospiz vorbereitet?
Beide Hunde durchliefen mit mir gemeinsam eine 10-monatige Ausbildung. Zum Abschluss der Ausbildung wurden wir geprüft. Ich musste eine theoretische Prüfung absolvieren und die Hunde wurden praktisch sowie direkt im Einsatz geprüft.
Welche Eigenschaften muss ein Hund mitbringen, um in einem Kinderhospiz arbeiten zu können?
Grundsätzlich sollten die Hunde offen im Kontakt mit Menschen sein, ein gewisses Maß an Stress gut aushalten können und mit den verschiedensten Geräuschen und Gerüchen umgehen können. Hauptsächlich ist es aber meine Aufgabe auf die Hunde zu achten und zu entscheiden, welche Situationen, Kinder und Familien zum jeweiligen Hund passen.
Haben Alma und Fips jeweils unterschiedliche Eigenschaften, die für verschiedene Kinder besonders geeignet sind?
Sie sind total unterschiedlich und genau darin liegt unsere Stärke als Team. Alma ist sehr offen und freundlich zu jedem Menschen, sie würde für Futter alles tun und kann gut zu verschiedenen Spielen motiviert werden. Alma kann sehr gut mit Kindern umgehen, die motorisch ein wenig unkoordinierter sind und lässt sich von lauten Geräuschen nicht aus der Ruhe bringen. Das Kontaktliegen fällt ihr aber manchmal schwer und hier kommt dann Fips ins Spiel.
Fips hat am Anfang seines Lebens schon einige schlechte Erfahrungen mit Menschen sammeln müssen, daher braucht er manchmal ein wenig länger bis er Vertrauen fasst. Dafür liebt er es dann aber zu kuscheln und mit den Kindern zu entspannen. Außerdem passt er durch seine geringere Körpergröße in jedes Bett und auf den Schoß der Kinder im Rollstuhl.

Wie genau kann man sich einen Hunde-Therapieeinsatz von euch im Kinderhospiz Sterntaler vorstellen?
Das ist ganz unterschiedlich und wir lassen uns jede Woche neu überraschen, welche Kinder und Familien gerade im Hospiz sind. Mal verbringen wir gemeinsame Zeit mit den Kindern und Pflegekräften im Gemeinschaftsraum, wohingegen andere Kinder die Ruhe und den Kontakt mit den Hunden alleine auf der Liegefläche des Musikzimmers genießen. Genauso kann es aber auch sein, dass wir gemeinsam mit den Sterntaler-Familien eine schöne Zeit im Hof in der Sonne verbringen und Fips kuschelt, während Alma mit einem Geschwisterkind spielt.
Welche Rolle spielt Nähe, Berührung und nonverbale Kommunikation bei der tiergestützten Therapie?
Ich würde behaupten die größte Rolle. Hunde kommunizieren nicht mit Worten und zeigen mir gerade bei der Arbeit im palliativen Bereich ganz oft, dass dies auch gar nicht nötig ist. Manchmal reicht schon das Tapsen der Pfoten auf dem Boden und ein wedelnder Schwanz um die ganze Stimmung im Raum zu verbessern. Hunde stellen keine Fragen, sie erwarten nichts und nehmen jeden Menschen einfach so, wie er ist.
Wie wird sichergestellt, dass es auch den Hunden in dieser emotionalen Umgebung gut geht?
Durch die Ausbildungen habe ich gelernt meine Hunde zu lesen, sie können mir nicht sagen, wenn ihnen etwas zu viel wird. Ich kenne sie aber gut und kann Stresssignale anhand der Körpersprache erkennen. Merke ich, dass einer der beiden eine Pause braucht, unterbreche ich sofort. Das Wohl der Hunde ist mir und auch allen Verantwortlichen bei den Sterntalern sehr wichtig, nur so kann ich gewährleisten, dass sie diese Arbeit gerne und auch auf Dauer gut machen können.
Wie gehen Sie mit möglichen (Berührungs-)Ängsten bei Kindern um?
Ich akzeptiere jedes Kind so wie es ist und erzwinge natürlich nichts – es ist ein Angebot mit den Hunden in Kontakt zu gehen. Wenn Ängste oder Unsicherheiten gezeigt werden, das Interesse aber da ist, gibt es ganz viele Möglichkeiten auch mit etwas Abstand zu interagieren. Das Füttern mit einem Löffel ist zum Beispiel sehr beliebt oder auch einen Ball zu werfen und der Hund bringt ihn zurück. Spiele in Bezug auf die Hunde (z.B. ein Memory mit Bildern von Alma und Fips) habe ich auch immer dabei.

Was ist für Sie am Herausforderndsten an der Arbeit als Hundetherapeutin?
Durch meine Arbeit als Krankenschwester habe ich viel Erfahrung im palliativen Bereich, dies kommt mir bei dieser Arbeit natürlich zugute. Eine Herausforderung sind manchmal meine Ansprüche an mich selbst. Ich habe oft das Gefühl, viel mehr „abliefern“ zu müssen. Auch hier holen mich meine Hunde aber wieder ab, indem sie mir zeigen, wieviel Freude sie schenken, ohne sich vorher einen Plan zu schmieden. Sie leben einfach im Hier und Jetzt.
Was macht Ihnen bei der Hundetherapie am meisten Spaß und fällt Ihnen ein bestimmtes Erlebnis ein, was Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Der Kontakt mit den Menschen: Ich empfinde es als unglaublich bereichernd so viele tolle Familien kennen lernen zu können und ein wenig an ihrer Geschichte teilhaben zu dürfen. Die Arbeit als Therapiebegleithundteam im hospizlichen Bereich hat mich vor allem gelehrt zu akzeptieren. Ich akzeptiere, was ich nicht ändern kann, und gebe gemeinsam mit meinen Hunden mein Bestes, um Menschen, die es nicht immer leicht haben, ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Was möchten Sie Menschen abschließend mitgeben, die noch wenig über die tiergestützte Therapie wissen?
Tiere haben eine unglaublich positive Wirkung auf uns Menschen, denn sie spüren Emotionen und Gefühle lange bevor wir sie überhaupt selbst wahrnehmen können außerdem sind sie unvoreingenommen und bewerten nicht. Hunde können einfach Wunderbares bewirken. Ich freue mich über jegliches Interesse an dieser Arbeit. Je öfter darüber gesprochen und unterstützt wird, desto mehr Menschen können davon profitieren.
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